Die kurze Antwort: Meist wird gar nicht der Fund datiert, sondern die Schicht, in der er liegt. Kein Knochen und kein verkohltes Holzstück trägt sein Alter in sich — das Alter kommt aus dem Zusammenhang. Deshalb entscheidet über eine Jahreszahl oft nicht das Labor, sondern die Frage, ob der Fund noch dort liegt, wo er hingehört. Wer das einmal verstanden hat, versteht auch, warum über manche berühmte Zahl seit Jahrzehnten gestritten wird.
Drei Wörter, an denen alles hängt
Das erste ist in situ, lateinisch für „an Ort und Stelle": Ein Fund, der unverlagert in seiner Schicht liegt, ist datierbar. Das zweite ist die Stratigrafie, die Abfolge der Erdschichten — was unten liegt, ist in der Regel älter als das darüber. Beide stehen im Band auf Seite 15, gleich zu Beginn des ersten Kapitels, und zwar bevor die erste Jahreszahl fällt. Das ist kein Zufall, sondern die Reihenfolge, in der auch die Forschung arbeitet.
Das dritte Wort ist die Fundlage: die Lage eines Fundes in seiner Schicht. Sie ist oft wichtiger als der Fund selbst, weil verlagerte Stücke sich nicht mehr zuordnen lassen. Daraus folgt ein Satz, der im Band die Stufe G trägt, also als widerlegte Behauptung geführt wird: dass sich ein einzelnes Streufundstück datieren ließe. Es liegt irgendwo, aber nicht mehr dort, wo es hingehört — und damit ist die einzige Uhr weg, die man hätte ablesen können.
Die drei Uhren
Die bekannteste Uhr ist die Radiokarbonmethode, und sie hat eine Grenze, die viele überrascht: Sie reicht rund 50.000 Jahre zurück. Für die Menschwerdung ist das viel zu wenig. Fundplätze aus dieser Zeit arbeiten deshalb mit anderen Verfahren — Argon-Argon und Paläomagnetik neben dem Radiokarbon. Drei Uhren, drei Reichweiten, drei Fehlerquellen. Wer eine Jahreszahl liest, liest immer auch ein Verfahren mit, und dessen Grenzen.
Wie sich das im Streitfall auswirkt, zeigt die Wonderwerk-Höhle in Südafrika: Feuerbelege aus rund einer Million Jahren, im Band auf den Seiten 25 und 28 — mit der Stufe E, umstritten. Umstritten heißt nicht erfunden. Es heißt: Es gibt einen Befund, es gibt eine Deutung, und es gibt Fachleute, die diese Deutung nicht teilen — unter anderem, weil sich bei so alten Schichten genau die Fragen stellen, um die es hier ging. Der Streit ist kein Makel der Forschung, er ist ihr Arbeitsmodus.
Deshalb trägt in diesem Band jede Aussage eine Stufe zwischen A und G — was die Stufen bedeuten, ist hier erklärt. Eine Jahreszahl ohne Angabe, woher sie kommt und wie sicher sie ist, ist keine Auskunft, sondern eine Behauptung. Die Datierungsfrage ist der Ort, an dem sich das am schnellsten zeigt.