Die kurze Antwort zuerst: Regelmäßiger Feuergebrauch gilt seit etwa 400.000 Jahren vor heute als gesicherter Befund. Das ist die Zahl, hinter der kaum jemand mehr streitet. Es gibt ältere Belege, deutlich ältere sogar — und über die wird bis heute gestritten. Wer nur eine Jahreszahl braucht, hat damit genug. Wer wissen will, warum in verschiedenen Büchern verschiedene Zahlen stehen, liest weiter.
Warum hier zwei Zahlen stehen und nicht eine
In diesem Band trägt jede Angabe eine Stufe zwischen A und G. A heißt gesicherter Befund, B starke Indizien, E umstritten, G widerlegt — Letzteres steht nur da, weil die Behauptung im Umlauf ist. Die 400.000 Jahre tragen ein A. Die ältesten Belege tragen ein E. Beide stehen im Buch, und sie stehen nicht gleichwertig nebeneinander. Was die Stufen im Einzelnen bedeuten, ist hier erklärt.
Das ist der ganze Unterschied zu der Formulierung, die man sonst überall liest: „Man nimmt an, dass der Mensch das Feuer vor etwa einer Million Jahren beherrschte." Der Satz ist nicht falsch. Er sagt nur nicht, wie weit man sich dabei aus dem Fenster lehnt.
Der Fund, über den gestritten wird
Die älteste viel zitierte Zahl stammt aus der Wonderwerk-Höhle in Südafrika: Feuerbelege aus rund einer Million Jahren. Im Band stehen sie auf den Seiten 25 und 28 — mit der Stufe E, umstritten.
Umstritten heißt nicht erfunden. Es heißt: Es gibt einen Befund, es gibt eine Deutung, und es gibt Fachleute, die diese Deutung nicht teilen. Warum ein so alter Fund überhaupt strittig sein kann, versteht man am besten an der Frage, wie ein Fund sein Alter bekommt.
Warum die Fundlage wichtiger ist als der Fund
Kein Knochen und kein verkohltes Holzstück trägt sein Alter in sich. Datiert wird meist nicht der Fund selbst, sondern das Gestein um ihn herum — und das funktioniert nur, wenn er ungestört in seiner Schicht lag. Der Fachbegriff dafür ist in situ, lateinisch für „an Ort und Stelle". Die Abfolge der Erdschichten heißt Stratigrafie: Was unten liegt, ist in der Regel älter als das darüber.
Daraus folgt eine Angabe, die im Band die Stufe G trägt, also widerlegt: Ein einzelnes Streufundstück ist praktisch nicht datierbar. Es liegt irgendwo, aber nicht mehr dort, wo es hingehört — und damit ist die einzige Uhr weg, die man hätte ablesen können.
Und eine zweite Grenze, die viele überrascht: Die Radiokarbonmethode reicht rund 50.000 Jahre zurück. Für die Menschwerdung ist das viel zu wenig. Fundplätze aus dieser Zeit arbeiten deshalb mit anderen Verfahren — Argon-Argon und Paläomagnetik neben dem Radiokarbon. Drei Uhren, drei Reichweiten, drei Fehlerquellen. Wer eine Jahreszahl liest, liest immer auch ein Verfahren mit, und dessen Grenzen. Nachzulesen auf Seite 15, im ersten Kapitel.
Was sich ändert, wenn eine Gruppe Feuer hat
Die eigentlich interessante Frage ist ohnehin nicht, wann zum ersten Mal etwas brannte, sondern was der regelmäßige Gebrauch verändert. Ein offenes Holzfeuer erreicht rund 700 Grad — gesicherter Befund. Raubtiere meiden es, und der Schlafplatz muss nicht mehr in einer engen Spalte liegen. Das sind starke Indizien, Stufe B: Man sieht die Folgen, man war nicht dabei.
Der Punkt, an dem der Band länger verweilt, ist ein anderer. Eine Gruppe mit Feuer gewinnt vier bis fünf Stunden Tageslicht. Diese Stunden taugen kaum zum Arbeiten — aber zum Reden. Es entsteht eine Zeit ohne Aufgabe. Was Menschen in ihr taten, lässt sich nicht ausgraben. Dass sie sie hatten, schon.
Und was heißt das für die Antwort oben?
Dass eine ehrliche Antwort zwei Teile hat. Der erste ist die Zahl, die trägt: rund 400.000 Jahre für den regelmäßigen Gebrauch. Der zweite ist der Hinweis, dass es Älteres gibt und dass es umstritten ist. Wer nur den ersten Teil weitergibt, sagt nichts Falsches. Wer nur den zweiten weitergibt, hat die bessere Überschrift. Beides zusammen ist die Auskunft.
Wie weit dieses Verfahren im Band getrieben ist, lässt sich in der begehbaren Welt zu Band 1 ausprobieren: Dort steht ein Regler für die Belegstufe. Wer ihn auf A stellt, sieht, wie wenig übrig bleibt. Das ist keine Panne, sondern die Aussage.